Die Deutsche Bank von ihrer Gründung bis zum Ersten Weltkrieg
1870 - 1914
von Lothar Gall
I. Anfänge
I. Die Gründung
Kairós - einen von den Göttern begünstigten Augenblick, so nannten die alten Griechen eine Konstellation, in der sich Pläne und Realisierungschancen, Zukunftserwartungen und Zeitumstände auf das glücklichste und den Erfolg verheißende, ja, fast schon garantierende Weise miteinander verbanden.
Ein solcher Kairós herrschte, so muß es rückblickend scheinen, zu Beginn des Jahres 1870, als sich ein kleiner Kreis wirtschaftlich erfahrener und zugleich unternehmungslustiger Männer entschloß, eine deutsche Außenhandelsbank mit Sitz in Berlin ins Leben zu rufen. Nach der zwar gescheiterten, aber alle Verhältnisse dynamisierenden politischen Revolution von 1848/49 hatte die sogenannte industrielle Revolution immer weitere Bereiche der Wirtschaft Mitteleuropas erfaßt.
Die Ausdehnung und der innere Ausbau des 1834 gegründeten Deutschen Zollvereins bildeten dafür ebenso eine Basis wie die Liberalisierung des Wirtschaftsrechtes, z.B. durch die Erleichterung der Gründung von Aktiengesellschaften, die Durchsetzung der Prinzipien der Handels- und Gewerbefreiheit auch außerhalb Preußens und den Anschluß an die durch den Cobden-Vertrag von 1860 geschaffene westeuropäische Freihandelszone in den sechziger Jahren.
Die Auseinandersetzungen um die Neugestaltung der staatlichen Verhältnisse in Mitteleuropa strebten nach dem Sieg Preußens über Österreich im Jahre 1866, der damit verbundenen Auflösung des Deutschen Bundes und der Errichtung eines Norddeutschland vereinigenden Bundesstaates einer endgültigen Entscheidung zu - auch wenn noch nicht ganz klar war, wie sie aussehen und vor allem wie sie zustande kommen würde. Das Selbstbewußtsein des deutschen Bürgertums wuchs, trotz vieler politischer Mißerfolge seit der gescheiterten Revolution von 1848, mit seiner ökonomischen Stärke und seinem gesellschaftlichen Einfluß, den es zugleich über eine immer stärker dominierende Stellung in Justiz und Verwaltung, in Wissenschaft und Ausbildungswesen erwarb. Ludwig Bamberger, einer der Mitbegründer und politischen Berater der späteren Deutschen Bank erklärte Bismarck damals kühn zum Wegbereiter wider Willen der Bestrebungen des liberalen Bürgertums: Dieses werde auf dem durch ihn geschaffenen Fundament auch politisch schon bald den Sieg erringen.
Grundlage dieser Prophezeiung war das politische Zweckbündnis, das Bismarck nach 1866 mit dem rechten Flügel der bisher von ihm so leidenschaftlich bekämpften liberalen Partei, mit den Nationalliberalen, eingegangen war. Es führte in seinen innenpolitischen Konsequenzen zunächst im nördlichen Deutschland, im sogenannten Norddeutschen Bund, zu einem förmlichen Modernisierungsschub auf praktisch allen Gebieten des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens; damals fielen die meisten der noch bestehenden handels- und gewerbepolitischen Beschränkungen. Die Folge war eine weitere Dynamisierung der Wirtschaft, die mittlerweile auf eine fast zwei Jahrzehnte anhaltende Phase der Hochkonjunktur zurückblicken konnte, und eine allgemeine Aufbruchstimmung: Die sogenannte Gründerzeit begann in Wahrheit schon in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts und nicht erst nach 1871.
Wie sich die Erwartungen und Hoffnungen der Zeitgenossen, vor allem aus dem Bürgertum, aber auch weit über dieses hinaus, in jenen Jahren in spezieller Weise auf die Begründung eines Nationalstaats richteten, so waren sie, auch wo sie sich zum Freihandel bekannten, ganz selbstverständlich geneigt, die Wirtschaft, das wirtschaftliche Leben, in solchen Kategorien zu sehen und zu denken; man sprach nun fast allgemein von Volkswirtschaft, von Nationalökonomie. Was lag da näher, als für die Finanzierung des deutschen Außenhandels, die bisher im wesentlichen in den Händen von englischen und französischen Banken gelegen hatte, eine deutsche Bank mit Sitz im Zentrum der Vormacht des Deutschen Zollvereins und des bisherigen Norddeutschen Bundes zu gründen - mit der Perspektive, auch weitere Finanzierungsaufgaben in einer
offenkundig so außerordentlich prosperierenden Wirtschaft zu übernehmen?
Folgerichtig erhielt das neue Finanzierungsinstitut den schlichten Namen »Deutsche Bank«. Durch »Allerhöchsten Erlass Sr. Majestät des Königs von Preussen« wurde am 10. März 1870 ihr Gründungsstatut genehmigt.
Es war die erste Aktienbank in Berlin und die zweite in Preußen überhaupt: Aktiengesellschaften waren hier zu diesem Zeitpunkt noch immer konzessionspflichtig, und Konzessionen wurden nur selten erteilt. Die Zeitgenossen registrierten daher mit Aufmerksamkeit, daß die preußische Regierung erstmals seit 22 Jahren, seit der Umwandlung des Kölner Bankhauses A. Schaaffhausen in eine Aktiengesellschaft im Revolutionsjahr 1848, wieder eine Konzession erteilte.
Selbst der bedeutende Unternehmensgründer und Bankier David Hansemann hatte 1851 in Berlin seine Disconto-Gesellschaft als einfache Handelsgesellschaft gründen müssen, die er 1856 in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien umwandelte. Auch die andere große Bankgründung in Preußen, die der Berliner Handels-Gesellschaft im Jahre 1856, war in der Form der Kommanditgesellschaft auf Aktien erfolgt; reine Aktienbanken entstanden damals nur außerhalb Preußens, so 1853 die Bank für Handel und Industrie in Darmstadt oder 1856 die Norddeutsche Bank in Hamburg und die Bremer Bank an der Weser.
Warum ging die preußische Regierung bei der Gründung der Deutschen Bank von der bisherigen Praxis ab und gestattete zum zweiten - und letzten - Mal, bevor am 11. Juni 1870 die Konzessionspflicht für Aktiengesellschaften aufgehoben wurde, die Errichtung einer Aktienbank? Und wer stand hinter dem neuen Institut?
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