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Disconto-Gesellschaft (1851-1929)
Die Disconto-Gesellschaft in Berlin war seit den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts unangefochten das bedeutendste Kreditinstitut Deutschlands. Erst mit der Gründung der Deutschen Bank erwuchs ihr am Ende des 19. Jahrhunderts eine gleichrangige Konkurrentin, mit der sie insbesondere vor dem Ersten Weltkrieg in heftigem Wettbewerb auf den nationalen und internationalen Kapitalmärkten stand. 1929 fand diese Konkurrenz ein Ende, indem sich die beiden Großbanken zu einem Institut zusammenschlossen und als Deutsche Bank und Disconto-Gesellschaft firmierten.
Die Disconto-Gesellschaft war fast zwanzig Jahre vor der Deutschen Bank gegründet worden. David Hansemann, der Gründer, war bereits über 60 Jahre alt als er die Disconto-Gesellschaft formte. Unmittelbaren Anlaß gaben die wirtschaftlichen Folgen der politischen Ereignisse im Revolutionsjahr 1848, die in einer schweren Wirtschafts- und Kreditkrise zutage traten. Der erste Gründungsversuch datierte vom Mai 1849, die tatsächliche Gründung der Direction der Disconto-Gesellschaft erfolgte am 6. Mai 1851 in Berlin, die Geschäftstätigkeit wurde am 15. Oktober 1851 aufgenommen. Die ersten Geschäftsräume befanden sich in der Kleinen Präsidenstraße unweit der Berliner Börse. Wenige Jahre später erwarb die Disconto-Gesellschaft ein Grundstück in der Behrenstraße, Keimzelle eines Gebäudekomplexes, der sich in späteren Jahrzehnten auch entlang der Charlottenstraße und Unter den Linden erstreckte.
Die Disconto-Gesellschaft war zunächst eine Kreditorganisation mit unbeschränkter Mitgliederzahl, die es sich zur Aufgabe gesetzt hatte, ihren Mitgliedern bis zur vollen Höhe ihrer Geschäftsanteile, von denen satzungsgemäß nur 10% einzuzahlen waren, Diskontkredit zu gewähren, daneben aber in beschränktem Umfang auch Einlagen von Nichtmitgliedern entgegenzunehmen, so daß sich auch ein Kreditgeschäft mit fremden Mitteln entwickeln konnte. Die Mitglieder unterteilten sich in Geschäftsinhaber (Direction) und stille Teilhaber. Die offizielle Firma des Bankhauses lautete daher auch bis 1929 Direction der Disconto-Gesellschaft. Die Direction bestand zunächst nur aus David Hansemann als alleinigem Geschäftsinhaber.
Die fremden Gelder nahmen bald stärker als erwartet zu, während andererseits die Kredite der Mitglieder den vorgesehenen Umfang bei weitem nicht erreichten, so daß die flüssigen Mittel anderweitig verwendet werden mußten. Die Satzungen, die in erster Linie auf die Deckung des Geldbedarfs der Mitglieder abgestellt waren, beengten die vorhandenen Möglichkeiten. Es wurde daher notwendig, die Statuten der geschäftlichen Realität anzupassen. Das Ergebnis dieser Änderungen war schließlich 1856 die Umwandlung der Disconto-Gesellschaft in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien. Die bisher als stille Teilhaber fungierenden Mitglieder wurden nunmehr Mitbeteiligte genannt und durch eine neue Gruppe, die Kommanditäre, ergänzt. Während bis dahin sich das Kapital je nach der Anzahl der Mitglieder verändert hatte, wurde nunmehr ein Stammkapital von 10 Millionen Talern festgesetzt.
Mit der Änderung der Rechtsform, durch welche die Disconto-Gesellschaft eine der ersten deutschen Kreditbanken auf Aktien wurde, erweiterte sich das Tätigkeitsfeld der Bank und ihr Arbeitsbereich dehnte sich auf alle Sparten des Aktiv- und Passivgeschäfts einer Kreditbank aus. Der Zeitpunkt, an dem der Geschäftsbereich in dieser Weise erweitert wurde, war allerdings denkbar ungünstig, da im folgenden Jahr die deutsche Wirtschaft in eine allgemeine Krise geriet, die auch die Banken erfaßte. Nachdem die Wirtschaftskrise überwunden war, begann die Bank, sich ein vielseitiges, großes Arbeitsgebiet zu erschließen, das sich zunächst vor allem auf die Industrie und den Verkehr erstreckte, bald aber auch auf das Ausland übergriff und sich über das Kreditgeschäft hinaus auf die Effektenemission ausdehnte. Es wurde nicht nur das kurzfristige, sondern auch das langfristige Kreditgeschäft gepflegt, denn die Richtlinien erlaubten längerfristige Engagements. Unter den dauernden Industrie-Beteiligungen finden sich Unternehmen, die später eine bedeutende Rolle im deutschen Wirtschaftsleben spielten. Dortmunder Union und Gelsenkirchener Bergwerks-AG sind zwei der bekanntesten Montangründungen, an denen die Disconto-Gesellschaft maßgeblich beteiligt war.
Auch zur Entwicklung des Realkredits hatte die Disconto-Gesellschaft wesentliche Beiträge geleistet, etwa mit der Gründung der Preußischen Central-Boden-Kredit-Actiengesellschaft im Jahre 1870, die 1930 mit der Preußischen Pfandbrief-Bank fusionierte. Die Disconto-Gesellschaft festigte ihre Position anfangs ganz besonders dadurch, daß der Preußische Staat die Geschäftsleitung bat, seine Anleihen zu plazieren. Zu diesem Zweck wurde unter ihrer Führung ein Bankenkonsortium gebildet, das als Preußenkonsortium bekannt wurde und im Laufe von Jahrzehnten zahlreiche Emissionswünsche der deutschen Regierungen erfüllen konnte. Es blieb indessen nicht bei der Emission von preußischen Staatsanleihen. Auch die Regierungen anderer Staaten, so vor allem Österreich-Ungarn, Rußland, Rumänien, Bulgarien, die skandinavischen Staaten und Italien, beanspruchten die Dienste der Disconto-Gesellschaft.
Der Aktionsradius der Disconto-Gesellschaft blieb nicht auf Europa beschränkt. Gerade in den deutschen Kolonialgebieten war die Disconto-Gesellschaft in vielfältiger Weise engagiert, so bei der von ihr gegründeten Neu-Guinea-Compagnie, die ein Lieblingsprojekt Adolph von Hansemanns – seit dem Tod seines Vaters David 1864 für mehrere Jahrzehnte die prägende Gestalt des Hauses – war. Die Große Venezuela-Eisenbahn wurde in Zusammenarbeit mit der Norddeutschen Bank, mit der die Disconto-Gesellschaft 1895 eine enge Interessengemeinschaft eingegangen war, verwirklicht. In Südwestafrika finanzierte sie über die Otavi Minen- und Eisenbahngesellschaft den Bau von Bergwerken und Eisenbahnen. Im Fernen Osten faßte sie in China mit der Finanzierung der Schantung-Eisenbahn und der Schantung-Bergbau-Gesellschaft Fuß.
Mit dem wachsenden Auslandsgeschäft ergab sich die Notwendigkeit, Tochterbanken im Ausland zu errichten oder sich an ausländischen Bankfirmen zu beteiligen. Am Handelsplatz Amsterdam war es die Handel-Maatschappij H. Albert de Bary & Co. an der die Disconto-Gesellschaft Anteile erwarb. In London wurde 1899 eine Filiale errichtet. Gemeinsam mit der Norddeutschen Bank ging man an die Gründung der Brasilianischen Bank für Deutschland mit zahlreichen Niederlassungen in Brasilien. Ihr folgte die Bank für Chile und Deutschland. Zusammen mit Sal. Oppenheim jr. & Cie. und belgischen Interessenten wurde die Deutsch-Belgische La Plata Bank geschaffen. Unter Mitwirkung einer Anzahl anderer Banken, darunter die Deutsche Bank, entstand die Deutsch-Asiatische Bank mit Hauptsitz in Shanghai. Gleichfalls als Konsortialgründung wurde die Banca Commerciale Italiana in Mailand ins Leben gerufen, während in Bukarest die Disconto-Gesellschaft mit S. Bleichröder zusammen die Banca Generala Romana gründete und als eigene Tochtergesellschaft in Bulgarien die Kreditbank Sofia errichtete.
Diese weltumspannende Tätigkeit führte zwangsläufig immer wieder zu Kapitalerhöhungen und zu einer Vergrößerung des Kreises der Geschäftsinhaber. Neben Adolph von Hansemann waren in den folgenden Jahrzehnten Johannes von Miquel, Adolph Salomonsohn, Emil Hecker, Emil Russell, Max von Schinckel, Arthur Salomonsohn, Franz Urbig, Eduard Mosler und Georg Solmssen als Geschäftsinhaber von größerer Bedeutung.
Lange Zeit hatte die Leitung der Bank den Grundsatz vertreten, das deutsche Geschäft ohne Filialen führen zu können. Je mehr die Emissions-, Depositen und kurzfristigen Kreditgeschäfte zunahmen, um so schwieriger wurde es, das filiallose Prinzip aufrechtzuerhalten. Dennoch hatte man bis zur Jahrhundertwende gezögert, ehe man sich entschloß, eigene Niederlassungen außerhalb Berlins zu gründen. Der Aufbau eines Filialnetzes begann 1901 in Frankfurt, wo das Geschäft des in diesem Jahr liquidierten Bankhauses M. A. von Rothschild und Söhne übernommen wurde, setzte sich aber im wesentlichen erst während und nach dem Ersten Weltkrieg fort. So übernahm die Disconto-Gesellschaft die Rheinische Bank, die Mittelrheinische Bank, die Westdeutsche Vereinsbank, die Westfälisch-Lippische Vereinsbank, die Königsberger Vereinsbank, die Schlesische Handelsbank, den Magdeburger Bankverein und die Bank für Thüringen. Darüber hinaus gingen die Norddeutsche Bank und der A. Schaaffhausen‘sche Bankverein in ihren Besitz über (wobei die Namen dieser beiden Traditionshäuser noch bis 1929 offiziell erhalten blieben); bei einer Reihe weiterer bedeutender deutscher Bankinstitute wurden dauernde Kapitalbeteiligungen erworben. Im Fusionsjahr 1929 war die Disconto-Gesellschaft mit eigenen Niederlassungen an mehr als 90 Orten Deutschlands vertreten.
Die Verschmelzung der Disconto-Gesellschaft mit der Deutschen Bank zur „Deutschen Bank und Disconto-Gesellschaft“ im Oktober 1929 war eine Fusion unter Gleichen. Die Aktien wurden auf der Basis eins zu eins umgetauscht. Der „Erbteil“ der Disconto-Gesellschaft in der vereinigten Bank war dem der Deutschen Bank auf jeden Fall ebenbürtig; sowohl in geschäftlicher Hinsicht, wie auch im Hinblick auf das eingebrachte Humankapital an Führungskräften. Mit dem Wegfall der Namenskomponente „Disconto-Gesellschaft“ im Jahre 1937 schwand aber rasch die Erinnerung an dieses zeitweise größte deutsche Kreditinstitut. Heute ist es nahezu vergessen.
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