Auch den Damen machte ich meinen Besuch der Sitte entsprechend zwischen zwei und vier Uhr nachmittags. Es war zwar manchmal lästig für die Damen, jeden halbwegs anständig aussehenden Europäer zu empfangen, aber da sie sehr viel Zeit übrig hatten, taten sie es, glaube ich, nicht ungern und überließen es später den Umständen, den Besucher einzuladen oder nicht. Der Besucher wurde von dem chinesischen Boy im Empfang genommen.
Man überreichte seine Visitenkarte und frage in Pidgin-Englisch (Mischsprache zwischen Europäern und Chinesen) "Missis have got?" (Madame zu Hause?), worauf der Boy die Karte hineintrug und nach einigen Minuten zurückkehrte, die Tür zum Drawingroom öffnete und sagte: "Missis can see." (Madame wird sich freuen.) Oft entstanden auch die komischsten Intermezzi durch die Naivität dieser Boys.
So sah eine Dame, ermüdet durch vielen Besuch, einen als ziemlich langweilig bekannten Herrn über den Hof kommen, und wie ihr der Diener die Karte überbrachte, konnte sie sich nicht enthalten, im Beisein des Boys zu sagen: "Oh, this snob, must I see everybody?" und zum Diener gewandt meinte sie: "Tell him, I am not at home", worauf der Boy gravitätisch dem Fremden mitteilte: "Missis no can see you, you too muchee snob." Als eine Dame sagen ließ, sie wäre bei der Toilette, drückte dies der Boy pantomimisch mit einer Bewegung über das Gesicht aus und sagte: "Missis makee wash." ...
Nach Absolvierung dieser gesellschaftlichen Pflichten, die in China einen Teil des Geschäftslebens ausfüllen, ging ich an die Ausübung meines eigentlichen geschäftlichen Berufs. Es war keine leichte Aufgabe, die meiner wartete. Mein Vorgänger, ein frivoler Genußmensch, hatte mir das Geschäft in einer trostlosen Verfassung hinterlassen. ... Der Wurf gelang. Während meine Nachbarn meiner gewagten [Geschäfts-]Operation, die sich wie jede große Operation ganz öffentlich vollzog, mit Entsetzen zuschauten, war das Resultat ein glänzendes, alle Erwartungen übersteigendes.
Der Gewinn bezifferte sich nach Millionen Francs, und von diesem Tage galt ich als der größte Bankier Chinas. Immer die alte Geschichte vom Erfolg. Aber Glück muß der Mensch haben, sonst hat die schönste Kombination ein Loch. ...
Ich hatte die Geschäfte meiner Bank in Shanghai eben auf eine angemessene Basis gebracht, als ich von meiner Zentraldirektion in Paris den Auftrag erhielt, nach Japan zu reisen, um dort unter meiner Oberleitung eine Niederlassung unserer Anstalt, von Shanghai ressortierend, zu begründen.
Der mir beigegebene Agent, der unter mir arbeiten sollte, hieß Mammelsdorf, ein Original, das, horible dictu, nur Wasser soff. Ich sage soff, weil er in ungeahnten Quantitäten Wasser vertilgte. Bei Tisch bat er meinen chinesischen Boy um Wasser, und als er immer mehr Wasser verlangte, setzte ihm dieser schließlich einen Bottich vor. ...«
Quelle: Hermann Wallich, Aus meinem Leben, in: Zwei Generationen im deutschen Bankwesen (1822-1914), Frankfurt am Main 1978
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