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Rudolf Diesel und die Deutsche Bank
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R. Diesel                                                                     München, den 30. Oktober 1908

Ingenieur                                                                     Maria Theresia-Straße 32

                                                                                  Telefon 2811

                                                                                  Telegr. „Diesel Ingenieur München“

 

 

Streng vertraulich!

 

 

Herrn Dr. Wolf

Direktor Deutsche Bank

Berlin.

 

 

Ich bin gegenwärtig damit beschäftigt, nachdem die Dieselmotoren in allen Industrieländern so grossartige Erfolge aufweisen, die American Diesel Engine & Co. in New York auf eine breitere Basis zu stellen und zwar auf Grund der in Europa neu entstandenen Dieselmotor-Formen, insbesondere der Gross-Dieselmotoren, der Schiffsmaschinen, Lokomotiven, Automobile etc., für welche zahlreiche neue Patente bestehen. Diese Geschäftserweiterung erfolgt gemeinsam mit Herrn Adolphus Busch in St. Louis, Präsident der American Diesel Engine Co. und mit Hilfe von dessen weitgehenden industriellen und finanziellen Verbindungen in den Vereinigten Staaten.

Die erweiterte Gesellschaft soll die wichtigsten auf den Gebieten des Maschinenbaues und der Petroleumgewinnung bestehenden Unternehmen vereinigen.

Zu den hervorragenden Maschinenbauern in den Vereinigten Staaten gehört die Firma Allis Chalmers, mit welcher auch schon vor Jahren Verhandlungen wegen Aufnahme des Dieselmotorbaues stattgefunden haben, welche jedoch nicht zum Ziele führten, teils weil die Dieselsache damals in Amerika noch nicht stark entwickelt war, teils wegen der inzwischen eingetretenen Depression, teils wohl auch wegen gewisser persönlichen Hindernissen. Ich selbst habe sr. Zeit mit dem Präsidenten der Allis Chalmers Co. Herrn Adams auch flüchtig verhandelt und auch mit der Deutschen Bank schon einen Briefwechsel darüber gehabt. Soviel mir bekannt, ist in der Allis Chalmers Co. ziemlich viel deutsche Geld investiert und zwar in Verbindung mit ihrer Bank. Ich frage deshalb hiemit an, ob Sie, namentlich bei den schlechten Zeiten, welche die Allis Chalmers durchgemacht hat und jetzt noch durchmacht, ein Interesse daran haben würde, die genannte Firma dadurch zu stützen, dass Sie ihr zur Aufnahme eines aussergewöhnliche Chancen bietenden neuen Fabrikationszweiges durch Rat oder Tat oder beides behilflich sind. Falls Sie Interesse für diese Frage haben, wäre selbstverständlich eine eingehende Besprechung erforderlich, wozu ich gerne zu Ihrer Verfügung stehe.

Mit der Bitte um baldgefl. Rückäusserung

 

hochachtungsvoll!

gez. Diesel


Seit ihrer Gründung 1870 hat das Auslandsgeschäft große Bedeutung für die Deutsche Bank. Vor allem die USA bildeten seit der Mitte der 1890er Jahren einen Kernbereich deutscher Investitionen. Die durch die Förderung deutscher Kapitalanlagen in den USA geknüpften Geschäftsverbindungen zu amerikanischen Firmen sind und waren für die deutsche Wirtschaft immer äußerst interessant. Im vorliegenden Brief vom 30. Oktober 1908 war es der deutsche Erfinder Rudolf Diesel, der sich erhoffte, durch Vermittlung der Deutschen Bank die Vermarktung und den Vertrieb seiner Dieselmotoren „insbesondere der Gross-Dieselmotoren, der Schiffsmaschinen, Lokomotiven, Automobile etc.“ in den USA zu forcieren.
Zwischen 1893 und 1897 hatte Rudolf Diesel einen Wärmekraftmotor mit deutlich höherem Wirkungsgrad im Vergleich zu dem 1860 entwickelten Verbrennungsmotor von Nikolaus Otto erfunden und realisiert. Die Reaktionen auf den neuen Dieselmotor waren ambivalent. Während die Weltöffentlichkeit Diesel als genialen Erfinder feierte und er über Nacht berühmt wurde, sah er sich mit boshaften Anfeindungen und Plagiatsvorwürfen der Konkurrenz und einiger deutscher Wissenschaftler konfrontiert.
Rudolf Diesel wurde durch die Lizenzeinnahmen aus seinen Teilpatenten schnell zum mehrfachen Millionär. Sein Geisteszustand war jedoch auf Grund seines unermüdlichen Arbeitseifers und der nervlichen Anspannung vor dem Hintergrund der Plagiatsvorwürfe und drohenden Anfechtungen seiner Erfindung kritisch.
Als Unternehmer hatte Rudolf Diesel kein Glück. Die 1898 mit 100.000 Mark aus seinem Privatvermögen und finanzieller Unterstützung der Augsburger Bankhäuser Mayer & Gerstle und Bonnet gegründete Diesel Motoren-Fabrik AG Augsburg, musste bereits zwei Jahre später ihre Produktion wieder einstellen musste und 1911 liquidiert werden. Zum einen fehlte die Erfahrung im Maschinenbau und zum anderen belasteten die jährlich anfallenden 100.000 Mark Lizenzgebühren für die Hauptpatentrechte die neue Firma, was Diesel frustriert kommentierte: „Es ist wie wenn man Apfelwein von seinem eigenen Apfelbaum kauft".
Auch die Allgemeine Gesellschaft für Dieselmotoren AG, die im Oktober 1898 zur Verwaltung und Nutzung der Patentrechte Rudolf Diesels gegründet worden war, scheiterte. Zunächst verkaufte Diesel seine Rechte an die Gesellschaft für 3.5 Mio. Mark und reinvestierte sie in Prioritätsaktien der Gesellschaft, wovon ihm nach dem Ausbleiben von erhofften Lizenzeinnahmen nur noch 250.000 Mark blieben.
Schließlich sah sich Diesel 1907/08 nach misslungenen Immobilienspekulationen gezwungen, neue Geschäftsfelder zu erschließen um die Finanzierung seiner Entwicklungsarbeit an einem Dieselmotor für Lokomotiven und Kleinlaster weiter zu gewährleisten. So versuchte er die Vermarktung und Einführung seines Dieselmotors vor allem in den USA voranzutreiben.
Bereits 1897 hatte Adolphus Busch, ein deutsch-amerikanischer Geschäftsmann und Gründer der Brauerei Anheuser-Busch, die Lizenzrechte für den Dieselmotor in den USA erworben. Er gründete die Diesel Motor Company of America mit Sitz in New York, die zunächst in Deutschland gefertigte Dieselmotoren in den USA vertrieb. In den nächsten Jahren scheiterten die Versuche eigene Dieselmotoren zu konstruieren, und die Firma formierte sich 1904 mit der International Power Company zur American Diesel Engine & Co.
Rudolf Diesel und Adolphus Busch hatten sich während der Aufenthalte Buschs in seiner Heimat Deutschland kennengelernt und beschlossen zusammenzuarbeiten, wobei Busch seinen Geschäftssinn und Diesel die technologische Kompetenz in die Geschäftsbeziehung einbrachten.
Nach dem Ablauf der Hauptpatente für Diesels Motor 1908 versuchten er und Busch in den USA mit dem Dieselmotor im Schiffs-, Eisenbahn- und Automobilsektor zu expandieren. Daher suchten sie Investoren und wandten sich im September 1908 auch an die Deutsche Bank, die allerdings nicht an direkten Investitionen in die American Diesel Engine & Co. interessiert war.
Darüber hinaus benötigten Busch und Diesel einen kompetenten und erfahrenen Partner im Maschinenbausektor um die eigene Produktion eines Diesel-Motors sicherzustellen und nicht mehr auf Importe aus Deutschland angewiesen zu sein. Diesel und Busch waren vor allem an einer Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Maschinenbauer Allis-Chalmers & Co. interessiert. Mit dem Präsidenten der Firma Edward D. Adams, der seit 1893 als Vertrauensmann und Repräsentant der Deutschen Bank in den USA agierte, hatten sie schon ergebnislose Verhandlungen geführt. Daraufhin bat Diesel in dem vorliegenden Brief die Deutsche Bank um Hilfe, die auf Grund ihres finanziellen Einflusses auf Allis-Chalmers eine Zusammenarbeit in die Wege leiten sollte. Die Deutsche Bank war zwar durchaus geneigt, bei der Vermittlung und Kontaktaufnahme zu helfen, wollte aber nicht direkt zugunsten Diesels auf Allis-Chalmers einwirken. Es kam schließlich nicht zu einer Zusammenarbeit. Adolphus Busch und die American Diesel schlossen sich 1911 mit dem Schweizer Maschinenbauer Gebrüder Sulzer AG zu Busch-Sulzer Brothers-Diesel Engine Corp. zusammen, die danach erfolgreich Lokomotiv- und U-Bootmotoren produzierte.
Diesel hingegen blieb der unternehmerische Erfolg weiterhin versagt. Auf einer Reise durch die USA 1912 wurde er als bedeutender Erfinder frenetisch gefeiert, doch finanziell war er ruiniert. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland sah Diesel keinen Ausweg aus seiner finanziellen Notlage mehr und beging 1913 auf der Überfahrt von Antwerpen nach England Selbstmord.