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Literaturgeschichte im Koffer
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Deutsche Bank AG

Fil. Heidelberg

 

6900 H e i d e l b e r g

        Postfach 420

 

Nachl. La/Ro                                               Nachl. Abt. – Fr/Lk.                         25.Jan. 5.1.1973

5.1.1973

 

Betr. Dr. Georg (von) Lukacs, verstorben

 

Sehr geehrte Herren !

Wir kommen heute auf Ihr an die Berliner Disconto Bank AG gerichtetes Schreiben vom 5.ds.Mts. mit der beigelegten Ablichtung unseres Schreibens vom 13.09.1934 zurück, wonach nach dem ausgewiesenen Tode des Obengenannten ein von der Nachlaß-Abteilung in Verwahrung genommenes Schriftstück ungelesen zu vernichten wäre.

Nach den uns erhalten gebliebenen Unterlagen der Nachlaß-Abteilung konnte nicht festgestellt werden, was mit dem verwahrten Schriftstück geschehen ist.

Auch in dem vorhandenen Verwahrbuch, das zeitlich bis vor 1934 zurückreicht, ist kein entsprechender Hinweis vorhanden.

Wir bedauern daher sehr, zu der gestellten Frage keine eindeutige Antwort geben zu können, da uns einerseits durch die Großbrände unserer Bankgebäude gegen Kriegsende das Material teilweise vernichtet wurde und andererseits durch das von der sowjetischen Besatzungsmacht nach Kriegsende ausgesprochene Verbot, unsere Geschäftsräume zu betreten, nicht alles verbliebene Material nach Westberlin verbracht werden konnte.

Freundschaftlich

 

Deutsche Bank


Mit der Korrespondenz zwischen der Deutschen Bank in Berlin und Heidelberg aus dem Jahr 1973 endete die Nachlaßverwaltung eines Verwahrstück, das der Heidelberger Niederlassung bereits 1917 von einem Dr. von Lukács anvertraut worden war. Der Inhalt des Koffers, der 56 Jahre in den Tresoren der Bank geschlummert hatte, sollte bald Literaturgeschichte schreiben.
Aus einer ungarischen Adelsfamilie stammend wandte sich Georg Lukács (1885-1971) durch die Ereignisse des 1. Weltkrieges beeinflusst dem Marxismus zu. Als Teil dieses von Lukács als Selbstfindung aufgefassten Prozesses deponierte er bei Kriegsende einen Koffer in der Deutschen Bank Filiale Heidelberg, der sein in den Jahren von 1910-1911 geschriebenes Tagebuch, neben anderen unveröffentlichten Aufzeichnungen und Manuskripten enthielt. Außerdem strich er das „von“ als Namensbestandteil, um so seinen Bruch mit der eigenen Vergangenheit deutlich zu machen. Die folgenden Jahre waren durch seinen Einsatz für die kommunistische Partei Ungarns geprägt. So stieg Lukács rasch zum stellvertretenden Volkskommissar für Bildung auf, als sich 1919 in Ungarn kurzzeitig eine kommunistische Räterepublik etablierte. In dieser Zeit entstand auch sein wohl einflussreichste Werk, die 1923 erschienene Monographie ‚Geschichte und Klassenbewusstsein - Studien über marxistische Dialektik’, welches in den 1960er Jahren von der Studentenbewegung aufgegriffen wurde.
In den dreißiger Jahren in die Sowjetunion emigriert entging Lukács nur knapp den stalinistischen Säuberungswellen. Erst 1944 kehrte er nach Ungarn zurück, wo in der Zwischenzeit durch die Rote Armee eine kommunistische Regierung installiert worden war. Er geriet jedoch schon bald in Konflikt mit der Regierung.
Als 1956 die Bevölkerung in Budapest Reformen und einen Abzug der Roten Armee forderte, schloss er sich den Protesten an und war bis zur Niederschlagung des Ungarn-Aufstands Bildungsminister der neuen Regierung. Nach dem Scheitern des Aufstandes verlor er sein Amt und lebte – bis zu seinem Tod 1971 – in Budapest in Isolation, da er sich weder politisch betätigen konnte, noch seine Werke veröffentlicht werden durften.
Zwei Jahre nach dem Tod des Philosophen stieß ein Angestellter der Heidelberger Filiale der Deutschen Bank zufällig auf dessen Hinterlassenschaft. Der Angestellte, der sich für Philosophie interessierte und gerade eine Biographie über Lukács gelesen hatte, informierte seinen Vorgesetzten, dass der Besitzer des seit über einem halben Jahrhundert in der Bankfiliale aufbewahrten Koffers nun endlich gefunden sei. Die Deutsche Bank erkundigte sich beim Rowohlt-Verlag, in welchem die Biographie Lukács erschienen war, über den Fund und bat, den rechtmäßigen Erben zu benennen, damit diesem der Koffer zugestellt werden könne. Über den Umweg der in London lebenden Schwester Lukács, Maria Popper, gelangte der Inhalt des Koffers schließlich zu ihrem Neffen Jánnosy, der in Ungarn das Lukács-Archiv leitete.
Zu dessen Überraschung erschien in einer Berliner Tageszeitung ein Raubdruck eines Aufsatzes von Lukács. Wer den Aufsatz der Zeitung zugespielt hatte, blieb unbekannt, obwohl viele Mutmaßungen angestellt wurden. So vermutete „Der Spiegel“ in seiner Ausgabe von Ende August 1973, dass der Lukács-Herausgeber Benseler, der sich mit Erlaubnis von Jánnosy mehrere Aufsätze und Disputationen fotokopiert hatte, einen Aufsatz unter der Hand weitergegeben habe, um zu „verhindern, dass die Koffer-Manuskripte unveröffentlicht nun statt in der Heidelberger Bankfiliale im Budapester Archiv für ein weiteres halbes Jahrhundert verschwinden.“ Dies geschah – zum Glück für die Literaturwissenschaft – nicht, denn der Inhalt des im Jahr 1973 in einer Filiale der Deutschen Bank aufgefundenen Koffers wurde in den folgenden Jahren als ein wesentlicher Teil des Frühwerks von Lukács veröffentlicht.