Bamberger, Ludwig *
Lebensdaten: * 22.7.1823 Mainz +14.3.1899 Berlin
Bank: Deutsche Bank
Mitglied des Vorstands: Mitglied des Verwaltungsrats 1870-1872
Neben dem Berliner Privatbankier Adelbert Delbrück (1822-1890) gilt der Politiker, Bankier und Währungsexperte Ludwig Bamberger als Initiator und Gründer der Deutschen Bank. In Bamberger fand Delbrück einen gewichtigen Förderer seiner Pläne, »eine große Bank zu schaffen, hauptsächlich für den überseeischen Handel, die uns unabhängig machen sollte von England und den Kreditgewährungen, die der deutsche Kaufmann nur in London fand und suchen konnte«. Bamberger war zu jener Zeit gerade mit verschiedenen südamerikanischen und ostasiatischen Kreditgeschäften befaßt und gezwungen, einen großen Teil davon über London abzuwickeln. »Diese Erfahrungen« - so schrieb er später in seinen »Erinnerungen« - »gaben den Anstoß, daß, als Ende der sechziger Jahre, bei meinem ersten längeren Aufenthalt in Berlin Adalbert Delbrück, der Chef des Bankhauses Delbrück, Leo & Co., mir von dem Unternehmen einer zu gründenden Deutschen Bank sprach mit der Aufforderung, mich an deren Bildung und Organisation zu beteiligen, ich willig darauf einging im Hinblick auf die dem deutschen Bankwesen nach transatlantischen Gebieten zu erobernde Ausdehnung, für die ich mir einige Kenntnisse zutraute.« Der von beiden Elternteilen aus jüdischen Bankiersfamilien stammende Ludwig Bamberger absolvierte nach dem Besuch des Gymnasiums in seiner Geburtsstadt Mainz ein Jurastudium an den Universitäten Gießen, Heidelberg und Göttingen, das er 1845/47 mit den beiden juristischen Staatsprüfungen abschloß. Die wissenschaftlichen Laufbahn, die er anstrebte, wurde durch die Revolution von 1848/49 unterbrochen, die Bamberger als Redner und als Journalist mit großer Leidenschaft - als ein entschiedener Vertreter der politischen Linken - unterstützte. Als Teilnehmer an der pfälzischen Erhebung vom Mai 1849 mußte er Deutschland verlassen und floh erst in die Schweiz, dann nach Holland, England und Frankreich. In Abwesenheit wurde er zu hohen Zuchthausstrafen und 1852 sogar zum Tode verurteilt, »vollziehbar auf dem Marktplatz der Stadt Zweibrücken«.Ausgebildeter Jurist, der er war, plante er zunächst, als Anwalt im Ausland zu arbeiten. Da er jedoch über seine Mutter mit der Bankiersfamilie Bischoffsheim verwandt war, folgte er dem Rat der Familie und versuchte es mit dem Bankgeschäft. Die beiden Brüder seiner Mutter, Louis und Jonathan Bischoffsheim, hatten Bankhäuser in Amsterdam, Antwerpen, London und Paris gegründet, und Bamberger lernte das Fach, zunächst in London, »von der Pike auf«. Als Zeichen seiner Anpassung an das neue Gewerbe fiel sogleich der »anstößige« Vollbart, das Symbol des Revolutionärs: Die Veränderung war so drastisch, daß ihn die meisten seiner Bekannten auf den ersten Blick nicht mehr wiedererkannten. 1851 begründete Bamberger in Rotterdam ein eigenes Bankhaus, mit dem er allerdings nicht reüssierte. Nach dieser ernüchternden Erfahrung ging er als Prokurist in die Pariser Firma seines Onkels, wo er vor allem auch Kenntnisse im Überseegeschäft erwarb, die ihm später bei der Gründung einer Außenhandelsbank von erheblichem Nutzen sein sollten. Zu den wichtigsten Erfahrungen dieser Jahre zählte die Errichtung der Banque de Paris et des Pays Bas, an der er beteiligt war, einer der beiden Vorgängerbanken der Banque Paribas, die noch heute zu den führenden französischen Banken gehört. Die Ereignisse in Deutschland, die auch von ihm selbst herbeigesehnte nationale Einigungsbewegung und der liberale Kurswechsel in Preußen, bewogen Bamberger 1866 zur Rückkehr. Bereits im Exil hatte er Bismarcks kleindeutsche Politik unterstützt, nicht zuletzt deshalb, weil sie auch den wirtschaftlichen Ordnungsvorstellungen der Liberalen zum Durchbruch verhalf. Als Abgeordneter seiner Geburtsstadt Mainz wurde er 1868 ins Zollparlament gewählt, dem aus Abgeordneten des Norddeutschen Reichstages und Vertretern der süddeutschen Staaten zusammengesetzten Parlament des Zollvereins. Bismarck, der Bamberger später als einen der besten Kenner des französischen Terrains zu seinem persönlichen Berater während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 berufen sollte, glaubte durch ihn Einfluß auf die dem Kanzler nach wie vor wenig geneigte liberale Presse gewinnen zu können. Die Anwesenheit in der Nähe Bismarcks setzte Bambergers demokratische Freunde in Erstaunen: »Oh Bamberger, weiland die keckste und schärfste Feder der hessischen Demokratie, wie alt und schwach bist du geworden, nachdem du beim Champagner des bitteren Pariser Exils so viel Geld als Bankier verdient!« mußte er sich öffentlich verspotten lassen. 1869/70 war Bamberger an der Vorbereitung und Gründung der Deutschen Bank beteiligt. Die Denkschrift, die er im Auftrag des provisorischen Verwaltungsrates verfaßte und am 8. Februar 1870 an Bismarck sandte, verlieh dem Antrag auf Konzessionierung der zu errichtenden Bank zusätzliches Gewicht und führte mit der Konzessionserteilung vom 10. März 1870 zum Erfolg. Das Ansehen, das Bamberger im Gründerkreis der Deutschen Bank genoß, wurde auch daran deutlich, daß man ihm, der zwar nur 18.000 Taler (von insgesamt 5 Millionen Taler Aktienkapital) zeichnete, die erste Stelle auf der Liste der Erstzeichner überließ. Von 1870 bis 1872 gehörte er dem aus 24 Mitgliedern bestehenden Verwaltungsrat der Deutschen Bank an, der als »Träger aller Vollmachten seitens der Gesellschaft« mit exekutiven Rechten ausgestattet, die weit über diejenigen des heutigen Aufsichtsrats hinausgingen. Nach der Reichsgründung 1871 wurde Bamberger in den Reichstag gewählt, dem er mehr als zwei Jahrzehnte, bis 1893, angehören sollte. Als führendes Mitglied der nationalliberalen Fraktion hatte er maßgeblichen Anteil an der Vereinheitlichung des deutschen Münzwesens, an der Umstellung von der Silber- auf die Goldwährung sowie an der Errichtung einer deutschen Zentralbank, der Reichsbank, die im Jahre 1876 ihre Tätigkeit aufnahm. 1880 schloß sich Bamberger den »Sezessionisten« an, die sich im Streit um die von Bismarck geforderte Einführung von Schutzzöllen von der nationalliberalen Reichstagsfraktion getrennt hatten. Anders als ihre zur Kooperation mit dem Reichskanzler bereiten Parteifreunde lehnten die Sezessionisten, die sich bald darauf in »Liberale Vereinigung« umbenannten, eine von der konservativen Reichstagsmehrheit, dem Centralverband deutscher Industrieller und der Landwirtschaft getragene protektionistische Wirtschaftspolitik strikt ab. Damit war zugleich der endgültige Bruch mit dem Kanzler verbunden. Von 1883 bis 1893 gehörte Bamberger der Deutschfreisinnigen Partei an, die zeitweise die größte Fraktion im Reichstag stellte. Als diese sich 1893 erneut spaltete, schloß er sich deren rechtem Flügel, der Freisinnigen Vereinigung, an, ohne jedoch wieder ein Reichstagsmandat anzunehmen. Zahlreiche Schriften über das Münzwesen und andere wirtschaftspolitische Themen begründeten Bambergers hohes Ansehen als volkswirtschaftlicher Theoretiker. Seine wissenschaftliche Bildung, seine politischen und publizistischen Verbindungen, vor allem aber seine praktischen Erfahrungen in Politik und Wirtschaft prädestinierten ihn dazu, bei der Gründung einer nationalen Bank als »politischer Berater« mitzuwirken.
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